Gibt es bei jedem gescheiterten IVF-Versuch zwangsläufig einen Mangel oder einen übersehenen Faktor?
Eine der am häufigsten gestellten Fragen von Paaren, die sich einer IVF-Behandlung unterziehen, lautet:
„Wurde zwangsläufig etwas übersehen, wenn der erste Versuch kein Ergebnis brachte?“
Diese Frage ist sehr verständlich. Denn wenn ein Prozess, in den Mühe, Hoffnung und Zeit investiert wurden, nicht mit einer Schwangerschaft endet, führt dies natürlich zu einer Suche nach einem Grund. Der wichtigste Punkt, der von Anfang an betont werden sollte, ist jedoch:
Nicht jeder fehlgeschlagene IVF-Versuch bedeutet zwangsläufig, dass ein Mangel vorlag.
Manchmal spielen biologische Prozesse, statistische Wahrscheinlichkeiten und die eigenen Selektionsmechanismen der Natur eine Rolle. Das bedeutet jedoch nicht, dass keine Analyse erfolgen sollte. Im Gegenteil: Jedes Ergebnis liefert Daten und ermöglicht es, den nächsten Schritt bewusster zu planen.
Warum ist der Erfolg beim ersten IVF-Versuch nicht garantiert?
IVF ist eine Methode, die den komplexen Prozess der Natur in einer Laborumgebung unterstützt. Allerdings:
- Die genetische Struktur des Embryos
- Die biologische Aufnahmefähigkeit der Gebärmutter
- Hormonhaushalt
- Mikroskopische zelluläre Wechselwirkungen sind nicht vollständig kontrollierbar.
Selbst in der jüngeren Altersgruppe liegt die Erfolgsquote beim ersten Versuch nicht bei 100 %. Daher hängt das Ausbleiben einer Schwangerschaft beim ersten Versuch häufig mit der Natur des Prozesses zusammen.
Grundlegende Bereiche, die bewertet werden sollten
Wenn ein Versuch nicht das gewünschte Ergebnis liefert, werden drei Hauptbereiche systematisch überprüft:
Embryofaktor
Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren ist die genetische Gesundheit des Embryos.
- War die Chromosomenstruktur des Embryos bekannt?
- An welchem Tag befand sich der übertragene Embryo?
- Wurde es durch den Einfrier-Auftau-Prozess beeinflusst?
Der Embryo kann qualitativ gut erscheinen; dennoch kann er chromosomal gesundheitsbedingt beeinträchtigt sein. Diese Wahrscheinlichkeit steigt insbesondere in der fortgeschrittenen Altersgruppe.
Bei einigen Patientinnen kann eine genetische Untersuchung (PGT) in Betracht gezogen werden. Sie ist jedoch nicht automatisch bei jeder Patientin erforderlich. Die Entscheidung wird unter Berücksichtigung des Alters, der Anzahl der Embryonen und der Anzahl der vorherigen Versuche getroffen.
Uterus- (Endometrium-) Faktor
Egal wie gesund der Embryo ist, kann die Einnistung ausbleiben, wenn die Gebärmutterumgebung nicht geeignet ist.
Zu überprüfende Punkte:
- Dicke und Struktur der Gebärmutterschleimhaut
- Zeitpunkt des Beginns der Progesteronbehandlung
- Verwendetes Medikamentenprotokoll
- Wurde ein natürlicher Zyklus oder ein hormonunterstütztes Protokoll angewendet?
Manchmal kann bereits die Änderung der Strategie zur Vorbereitung der Gebärmutter beim nächsten Versuch einen Unterschied machen.
Außerdem:
- Polyp
- Submuköses Myom
- Chronische Endometritis
- Zustände wie ein dünnes Endometrium sollten bewertet werden.
Strategie- und Protokollfaktor
Nicht jede Patientin ist gleich. Dasselbe Protokoll führt nicht bei jeder Patientin zum gleichen Ergebnis.
Insbesondere:
- Bei Patientinnen mit PCOS
- Bei Patientinnen mit verminderter ovarieller Reserve
- Bei Patientinnen über 40 Jahren ist ein individualisierter Ansatz erforderlich.
Die aus dem vorherigen Versuch gewonnenen Daten sind sehr wertvoll:
- Wie viele Eizellen wurden gewonnen?
- Wie viele Embryonen sind entstanden?
- Wie war die Qualität der Embryonen?
- Wie war die hormonelle Reaktion?
Diese Informationen dienen als Orientierung für den nächsten Versuch.
Sollte man die Hoffnung verlieren, wenn der erste Versuch kein Ergebnis bringt?
Auf keinen Fall.
Bei vielen Paaren wird der Erfolg im zweiten oder dritten Versuch erzielt. Die kumulativen Erfolgsraten sind deutlich höher als die Erfolgsrate eines einzelnen Versuchs.
Wichtig ist:
- Eine ruhige und sachliche Analyse durchführen
- Unnötige Tests vermeiden
- Die tatsächlich veränderbaren Parameter identifizieren
- Wissenschaftlich fundierte Entscheidungen treffen
Obwohl es sich emotional um einen schwierigen Prozess handelt, ist diese Phase oft nicht das Ende, sondern ein bewussterer Neuanfang.
Was kann beim nächsten Versuch anders gemacht werden?
Die Antwort ist für jede Patientin unterschiedlich. Dennoch sollten die folgenden Fragen unbedingt bewertet werden:
- Ist eine genetische Analyse des Embryos erforderlich?
- Sollte das Protokoll zur Vorbereitung der Gebärmutter geändert werden?
- Sollte der Zeitpunkt des Transfers optimiert werden?
- Sollten Lebensstilfaktoren angepasst werden?
- Könnte eine chronische Erkrankung übersehen worden sein?
Das Ziel ist es, den Prozess zu optimieren.
Fazit: Kein Mangel, sondern eine Analyse
Die Frage „Gibt es einen Mangel?“ ist eine verständliche Frage.
Der Ansatz sollte jedoch folgender sein:
Jeder erfolglose Versuch ist eine Grundlage, um den nächsten Schritt besser zu planen.
Der Embryo wird beurteilt.
Die Gebärmutter wird beurteilt.
Die Strategie wird überprüft.
Und am wichtigsten: Es wird versucht zu verstehen, warum der Prozess nicht das gewünschte Ergebnis erbracht hat.
Die In-vitro-Fertilisation (IVF) ist eine Reise.
Manchmal führt der erste Schritt nicht zum Ziel.
Mit der richtigen Analyse kann der nächste Schritt jedoch dem Erfolg deutlich näher sein.
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Op. Dr. Soner DÜZGÜNER
Facharzt für Geburtshilfe und Gynäkologie
Op. Dr. Soner Düzgüner: Bietet Diagnose und Behandlung in Bereichen wie In-vitro-Fertilisation, Frauengesundheit, Unfruchtbarkeit, gynäkologische Chirurgie und Schwangerschaftsnachsorge.