Senkt die Gürtelrose-Impfung das Risiko für Alzheimer und Demenz?
In den vergangenen Jahren veröffentlichte Studien haben diese Frage in den wissenschaftlichen Fokus gerückt. Besonders die in einer Studie aus Wales berichtete etwa 20 % geringere Wahrscheinlichkeit einer Demenzdiagnose hat das Interesse vieler Menschen über 50 geweckt. Nature, 2025
Die bisherigen Daten deuten auf einen vielversprechenden möglichen Zusatznutzen hin. Es ist jedoch bislang nicht nachgewiesen, dass die Gürtelrose-Impfung Alzheimer sicher verhindert oder Demenz behandelt. Ihr nachgewiesener Zweck ist die Vorbeugung von Gürtelrose und den danach möglichen lang anhaltenden Nervenschmerzen. Aktuelle Evidenzbewertung, Europäische Arzneimittel-Agentur
Wie könnten Gürtelrose und Demenz zusammenhängen?
Gürtelrose entsteht durch die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus, das auch Windpocken verursacht. Nach einer Windpockenerkrankung kann das Virus im Nervengewebe ruhen und bei zunehmendem Alter oder geschwächtem Immunsystem erneut aktiv werden. Europäische Arzneimittel-Agentur
Forschende vermuten, dass die Reaktivierung bei manchen Menschen zu Prozessen beitragen könnte, die die Hirngesundheit beeinträchtigen. Mögliche Wege sind Veränderungen an Hirngefäßen und Entzündungsreaktionen im Nervensystem.
Studien zum Zusammenhang zwischen Gürtelrose und späterer Demenz liefern allerdings keine völlig einheitlichen Ergebnisse. Die Einflüsse von Alter, Begleiterkrankungen und allgemeinem Gesundheitszustand lassen sich nur schwer trennen. Deshalb bedeutet eine Gürtelrose-Erkrankung nicht, dass die betroffene Person Alzheimer entwickeln wird. Bewertung des Zusammenhangs zwischen VZV und Demenz, 2026
Sind Alzheimer und Demenz dasselbe?
Demenz ist ein Krankheitsbild, das Gedächtnis, Denken und die Bewältigung alltäglicher Aufgaben beeinträchtigt und verschiedene Ursachen haben kann. Alzheimer ist die häufigste Ursache. Daneben gibt es beispielsweise die vaskuläre Demenz. Weltgesundheitsorganisation
Diese Unterscheidung ist bei Meldungen zur Gürtelrose-Impfung wichtig. Weniger Demenzdiagnosen insgesamt belegen nicht, dass Alzheimer im gleichen Ausmaß verhindert wurde.
Was bedeutet „20 % geringeres Risiko“ in der walisischen Studie?
Die 2025 in Nature veröffentlichte Untersuchung nutzte eine Geburtsdatumsgrenze für die Impfberechtigung in Wales. Verglichen wurden nahezu gleich alte Personen unmittelbar beiderseits dieser Grenze.
Die Forschenden schätzten, dass der Erhalt des Lebendimpfstoffs gegen Gürtelrose die Wahrscheinlichkeit einer neuen Demenzdiagnose innerhalb von sieben Jahren relativ um etwa 20 % verringerte. Der absolute Unterschied betrug 3,5 Prozentpunkte. Das bedeutet nicht, dass „20 von 100 Menschen vor Demenz geschützt werden“. Studie aus Wales
Die Methode soll Unterschiede reduzieren, die Vergleiche verzerren können, etwa ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein geimpfter Personen. Die Ergebnisse müssen dennoch im Rahmen der methodischen Annahmen, der Genauigkeit der Gesundheitsdaten und der untersuchten Altersgruppe bewertet werden.
Gibt es auch Daten zum heute verwendeten rekombinanten Impfstoff?
Ja. Die Demenzforschung beschränkt sich nicht auf den älteren Lebendimpfstoff.
Eine 2024 in Nature Medicine veröffentlichte Studie verglich Personen mit rekombinanter Impfung mit Personen, die den Lebendimpfstoff erhalten hatten. Der rekombinante Impfstoff war über sechs Jahre mit günstigeren Demenzergebnissen verbunden. Die berichtete „17 % längere Zeit ohne Diagnose“ ist nicht gleichbedeutend mit „17 % weniger Demenzrisiko“, sondern beschreibt ein anderes statistisches Maß. Taquet und Kollegen, 2024
Eine 2026 in Nature Communications veröffentlichte Untersuchung verglich 65.800 mindestens 65-jährige Personen mit zwei Dosen des rekombinanten Impfstoffs mit 263.200 ungeimpften Personen. Bei den Geimpften zeigte sich eine geringere Demenzhäufigkeit. Wurde jedoch mit Personen verglichen, die einen anderen Impfstoff erhalten hatten, fiel der Zusammenhang schwächer aus. Das spricht dafür, dass auch allgemeine Gesundheitsgewohnheiten die Ergebnisse beeinflussen können. Rayens und Kollegen, 2026
Diese Studien unterstützen einen möglichen Nutzen. Wegen unterschiedlicher Impfstoffe, Altersgruppen und Vergleichsmethoden lässt sich jedoch keine einheitliche Schutzwirkung in Prozent angeben.
Warum bleiben Fachleute vorsichtig?
Geimpfte und ungeimpfte Personen können sich hinsichtlich des Zugangs zur Gesundheitsversorgung, vorbeugender Gewohnheiten und Begleiterkrankungen unterscheiden. Statistische Anpassungen können diese Unterschiede verringern, aber möglicherweise nicht vollständig beseitigen.
Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse bewertete den Schutz des rekombinanten Impfstoffs vor Gürtelrose als gut belegt. Die Evidenzsicherheit für eine mögliche Verringerung des Demenzrisikos wurde dagegen als niedrig eingestuft. Das bedeutet nicht, dass kein Zusammenhang besteht, sondern dass der tatsächliche Effekt erheblich von den bisherigen Schätzungen abweichen könnte. Systematische Übersichtsarbeit, 2026
Eine weitere Analyse aus demselben Jahr hinterfragte, welcher Anteil der Ergebnisse einiger natürlicher Experimente tatsächlich auf die Impfung zurückzuführen ist, und betonte die Notwendigkeit unabhängiger Bestätigung. Kivimäki und Kollegen, 2026
Weniger Demenzdiagnosen in Gesundheitsakten allein erlauben keine Unterscheidung zwischen vollständiger Vorbeugung, verzögerten klinischen Symptomen und einem veränderten Diagnosezeitpunkt. Bewertung von Evidenz und Mechanismen, 2026
Wie könnte die Gürtelrose-Impfung die Hirngesundheit beeinflussen?
Drei mögliche Erklärungen werden vor allem untersucht:
- Weniger Virusreaktivierungen: Begrenzung möglicher Schäden durch wiederholte Virusaktivität.
- Einfluss auf Gefäß- und Entzündungsprozesse: Verringerung entzündlicher Reaktionen in Hirngefäßen und Nervengewebe.
- Veränderung der Immunantwort: Wirkungen auf das Immunsystem über den Schutz vor dem Virus hinaus.
Diese Mechanismen werden noch erforscht. Welcher Weg einen möglichen Nutzen bei Demenz beim Menschen erklärt und in welchem Umfang, ist unklar. Für die Aussage, die Gürtelrose-Impfung verhindere Alzheimer durch Unterdrückung von Entzündungen im Gehirn, reichen die Belege nicht aus. Bewertung der Mechanismen, 2026
Was bedeuten die Ergebnisse für Menschen über 50?
Für Menschen ab 50 Jahren ist der wichtigste Grund für die Gürtelrose-Impfung der Schutz vor Gürtelrose und danach möglichen lang anhaltenden Nervenschmerzen. Der rekombinante Impfstoff ist für diese Altersgruppe zugelassen. Es gibt außerdem Anwendungsgebiete für jüngere Erwachsene mit erhöhtem Gürtelroserisiko. Europäische Arzneimittel-Agentur
Die Demenzforschung ergänzt diese Abwägung um einen interessanten möglichen Zusatznutzen. Allerdings lässt sich derzeit nicht sicher sagen, wie stark eine Impfung mit 50 Jahren das spätere persönliche Demenzrisiko verändert. Die Ergebnisse aus Wales bei etwa 80-jährigen Menschen dürfen nicht mit demselben Prozentsatz auf alle Altersgruppen übertragen werden.
Die Impfentscheidung sollte gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt unter Berücksichtigung von Alter, Immunstatus, Behandlungen, bisherigen Impfungen und Allergien getroffen werden. Die Anwendung richtet sich nach den aktuellen Produktinformationen und einschlägigen Empfehlungen.
Häufige Fragen zur Gürtelrose-Impfung
Verhindert die Gürtelrose-Impfung Alzheimer?
Eine sichere Vorbeugung ist nicht nachgewiesen. Studien berichten über einen vielversprechenden Zusammenhang zwischen Impfung und geringerem Demenzrisiko. Die Alzheimer-spezifische Wirkung und das tatsächliche Schutzausmaß sind noch nicht geklärt. Aktuelle systematische Übersichtsarbeit
Wie viele Impfdosen sind erforderlich?
Der rekombinante Gürtelrose-Impfstoff wird in zwei Dosen verabreicht, üblicherweise im Abstand von 2–6 Monaten. Bei manchen immungeschwächten Personen kann ein kürzerer Abstand sinnvoll sein. Den individuellen Zeitplan legt die behandelnde Ärztin oder der Arzt fest. CDC-Impfempfehlungen
Kann man nach einer Gürtelrose-Erkrankung geimpft werden?
Eine frühere Gürtelrose-Erkrankung schließt eine Impfbeurteilung nicht aus. Während einer akuten Gürtelrose wird der Impfstoff jedoch nicht verabreicht. Der geeignete Zeitpunkt sollte ärztlich festgelegt werden. CDC-Impfempfehlungen
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Schmerzen, Rötung oder Schwellung an der Einstichstelle sowie Müdigkeit, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen und Fieber sind möglich. Die meisten dieser häufigen Reaktionen dauern 2–3 Tage. Allergien und der persönliche Gesundheitszustand werden vor der Impfung geprüft. Europäische Arzneimittel-Agentur
Wird die Gürtelrose-Impfung zur Behandlung von Demenz eingesetzt?
Die Gürtelrose-Impfung kann nicht als Demenzbehandlung empfohlen werden. Bei bereits diagnostizierter Demenz wird ihre Eignung zur Gürtelroseprävention unter Berücksichtigung des allgemeinen Gesundheitszustands beurteilt. Forschungsergebnisse zu verschiedenen Krankheitsstadien dürfen nicht als nachgewiesene Behandlungswirkung dargestellt werden. Forschung zu verschiedenen Krankheitsstadien, Anwendungsgebiet des Impfstoffs
Weitere Maßnahmen für die Hirngesundheit bleiben wichtig
Während die Forschung zur Gürtelrose-Impfung weitergeht, bleiben Bewegung, Rauchverzicht, die Kontrolle von Blutdruck und Diabetes, gesunde Ernährung und soziale Aktivität wichtig für die Hirngesundheit. Weltgesundheitsorganisation
Wenn Sie mindestens 50 Jahre alt sind, können Sie ärztlich besprechen, ob die Gürtelrose-Impfung für Sie geeignet ist. Dabei lassen sich die nachgewiesenen Vorteile und der noch erforschte mögliche Zusatznutzen hinsichtlich Demenz gemeinsam abwägen.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Diagnose, Behandlung oder Impfberatung. Stand der Literaturbewertung: 6. November 2026.
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Op. Dr. Soner DÜZGÜNER
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Op. Dr. Soner Düzgüner: Bietet Diagnose und Behandlung in Bereichen wie In-vitro-Fertilisation, Frauengesundheit, Unfruchtbarkeit, gynäkologische Chirurgie und Schwangerschaftsnachsorge.